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2. 1939-1945: Das Hitler-Mussolini-Abkommen, Option und Krieg

Während die Heimat unter den Faschisten mehr und mehr 'unwirtlich' wurde, blickten viele Südtiroler in der Hoffnung auf Hilfe von Anfang an nach Deutschland, erst recht und immer mehr seit 1933, fasziniert von dem, was Hitler unter dem Motto "Ein Volk – ein Reich – ein Führer" scheinbar Großes vollbrachte: "Volksgemeinschaft", Beseitigung der Arbeitslosigkeit, Rückkehr der Saar ("Heute die Saar – wir übers Jahr!") – und dann der Anschluss Österreichs. "Deutsche Männer am Brenner" – im März 1938 waren Jubel, Hochgefühle, Hoffnungen und Erwartungen grenzenlos in Südtirol. Ein neues Zeitalter schien angebrochen, das Ausharren hatte sich scheinbar gelohnt. Es schien nur noch eine Frage der Zeit, bis der Führer auch Südtirol "heim ins Reich" holen und die neue Grenze bei Salurn verlaufen würde. So wie die illegalen Nazis in Österreich triumphierten, so hofften die illegalen Nazis in Südtirol, die sich im "Völkischen Kampfring Südtirols" (VKS) organisiert hatten, würden auch sie bald triumphieren. Vergessen war, dass Hitler schon in den Jahren zuvor mehrfach etwas Anderes gesagt und geschrieben hatte. Die Ernüchterung kam für Etliche am 7. Mai 1938 mit Hitlers Rede in Rom. Hier machte er erneut klar, dass es sein "unerschütterlicher Wille und sein Vermächtnis an das deutsche Volk" sei, "die von der Natur aufgerichtete Alpengrenze für immer als eine unantastbare anzusehen". Ein führender Vertreter des VKS, Norbert Mumelter, erlebte damals die Rede Hitlers mit. Seine Reaktion zeigte, wohin die Reise der VKS gehen würde: Das "Vermächtnis des Führers" schmetterte Mumelter zwar zunächst "geistig zu Boden", aber dann fing er sich wieder; er riss sich zusammen und schrieb in sein Tagebuch, was für ihn der "Endsinn" war, nämlich: "Für Großdeutschland muss man selbst seine Heimat opfern können."
Am 23. Juni 1939 kam es in Berlin dann zu jener Vereinbarung, mit der das Schicksal Südtirols radikal und endgültig besiegelt werden sollte: Nach zwei Stunden waren sich Deutsche und Italiener grundsätzlich einig über eine Umsiedlung der Südtiroler. "Völkische Flurbereinigung" hieß das in jenem unsäglichen, Menschen verachtenden Nazi-Jargon (heute würde man wohl – ebenso zynisch – ethnische Säuberung sagen). Federführend war bezeichnenderweise "Reichsführer SS" Heinrich Himmler, der am 16. Juni von Hitler offiziell mit der Gesamtplanung des Unternehmens beauftragt worden war und im Oktober 1939 von Hitler zum "Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums" ernannt wurde. Südtirol muss für Himmler eine faszinierende Aufgabe gewesen sein. Alles, was jetzt folgte, trug seine Handschrift. Es wurde ein gigantischer Apparat aufgezogen, Südtirol wurde zum ersten Experimentierfeld des NS-"Menscheneinsatzes". Die Südtiroler standen damals vor der Wahl, bis zum 31. Dezember 1939 entweder für die deutsche Staatsbürgerschaft zu optieren oder sich für die Beibehaltung der italienischen Staatsbürgerschaft zu entscheiden. Die bittere Alternative lautete: entweder durch Dableiben dem "Volkstum" oder durch Gehen der Heimat untreu zu werden, ins Deutsche Reich überzusiedeln oder in der zunehmend "welschen" Heimat zu bleiben – unter dem Damoklesschwert, südlich des Po angesiedelt zu werden, wie italienische Verlautbarungen anzudeuten schienen bzw. die deutsche Propaganda glauben machte.
Bis zum 23. Juni 1939 waren "Option" und "Umsiedlung" in erster Linie Fragen der deutsch-italienischen Beziehungen – danach wurde dies eine Südtiroler Angelegenheit und hier zuallererst eine des VKS. Die Verantwortung des VKS für das, was kam, steht außer Frage, genau so wie die Tatsache, dass sich in seinen Reihen überzeugte Nazi befanden. Der VKS war anfangs gegen die Umsiedlung, schwenkte dann aber radikal um. Nach Meinung des Südtiroler Historikers Leopold Steurer war dafür die "germanische Gefolgschafts- und Nibelungentreue" des VKS entscheidend. Ausdrücklich lehnt er es ab, für die Haltungsänderung des VKS die "sizilianische Legende" gelten zu lassen, jenes Gerücht nämlich, dass die Italiener alle jene, die nicht für Deutschland optierten, nach Sizilien oder in andere Gegenden, jedenfalls aber "südlich des Po" deportieren würden. Die Drohung mit der Zwangsumsiedlung in den Süden ist für viele Südtiroler aussschlaggebend gewesen. Hinzu kam die Zusicherung eines geschlossenen Siedlungsgebietes. (Dass dieses Gebiet – mindestens so schön wie Südtirol – erst erobert werden musste, schien die Wenigsten zu interessieren.) Dies waren die Hauptwaffen im Propagandakrieg des VKS zwischen Gehern und Bleibern. Wo die Propaganda ihre Wirkung verfehlte, griffen die Nazis zum Terror. Das übelste Kapitel in der Geschichte Südtirols wurde von den Südtirolern selbst geschrieben! Erst dieser Umstand erklärt, warum die tiefen Wunden, die damals geschlagen wurden, später nur schwer verheilten und immer wieder aufbrachen.
Auch die Kirche war tief gespalten. Der Brixner Fürstbischof Johannes Geisler geriet unter den Einfluss seines Generalvikars Alois Pompanin. Pompanin war Ladiner, ein fanatischer Befürworter der Umsiedlung ins "Reich" und glühender Bewunderer Hitlers. Geisler optierte für Deutschland, während der Klerus gegen die Option für das deutsche Reich eintrat. Er wies auf die Kirchenverfolgung und die Euthanasie in Deutschland hin – und wurde in diesem Punkt von seinem Bischof der Zensur unterworfen.
Die Dableiber erlebten damals eine schlimme Zeit. Friedl Volgger, einer der einflussreichsten Südtiroler Politiker, beschrieb das in seinen Erinnerungen so: "Was die Juden im Dritten Reich waren, war jetzt ein Teil der Südtiroler in den Augen ihrer fanatisierten Landsleute." Nach Abschluss der Optionsfrist wartete man in der Neujahrsnacht 1940 mit Spannung auf das 'Wahlergebnis'. Der Führer hatte gerufen und alle, fast alle, waren gekommen, nämlich insgesamt etwa 86 Prozent der Südtiroler. Himmler spendete Lob: "Deutschland ist stolz auf sein Südtiroler Volk."
Von den 213.000 Südtirolern, die für Deutschland optiert hatten, verließen etwa 75.000 tatsächlich das Land. Etwa 50 Prozent von ihnen wanderten 1940 aus; danach geriet die Umsiedlung ins Stocken. Einer der wichtigsten Gründe dafür war wohl, dass kein endgültiges Siedlungsgebiet gefunden worden war. Hinzu kam, dass die anfängliche Begeisterung schnell der Ernüchterung wich. Wurden die ersten Umsiedler in Innsbruck noch mit Marschmusik und zündenden Reden empfangen, so änderte sich das alles sehr schnell. Schon im Laufe des Jahres 1940 gab es für so etwas keine Zeit mehr. Dazu kamen die Schwierigkeiten bei der Unterbringung und der Ausstattung der Wohnungen für die Auswanderer; von den großen Versprechungen blieb wenig bis nichts übrig. Die Umsiedler wurden in Notunterkünften untergebracht und mussten Arbeiten annehmen, die ihren Gewohnheiten oft widerstrebten. Hinzu kam, dass der ranghöchste Mann der deutschen Umsiedlungsbehörden in Bozen, Ludwig Mayr-Falckenberg, alles andere als ein linientreuer Parteigenosse war und alles tat, um die Umsiedlung zu verzögern.
Die Option gehört zu den wohl leidvollsten Kapiteln in der Geschichte der Südtiroler Hinter dem juristisch kühlen Begriff stehen Südtirols Lebensfragen: Erhalt und Verlust von Heimat, Einheit und Spaltung der Volksgruppe, der Zusammenhang von Politik und Alltag. Jahrzehntelang waren diese Fragen Tabuthemen. Erst 1989, anlässlich der 50. Wiederkehr des Hitler-Mussolini-Abkommens, wurden sie in Südtirol eindringlich gestellt und debattiert – mit einer großen Ausstellung, zahlreichen Publikationen, Vorträgen und Diskussionen. Auch wenn die Option heute kein öffentliches Thema mehr ist: angesichts der Dramatik von ethnischen Säuberungen und Flüchtlingswellen bleibt sie anhaltend aktuell.
Der Sturz Mussolinis, der Übertritt Italiens an die Seite der Alliierten und die Besetzung Südtirols und Norditaliens durch deutsche Truppen am 9. September 1943 wurde von der überwiegenden Mehrheit der Südtiroler als Befreiung vom italienischen Joch empfunden. Nach 20 Jahren faschistischer Herrschaft schien nun endlich der Tag der lang ersehnten Befreiung gekommen zu sein. Doch der erhoffte offizielle Anschluss Südtirols an das Deutsche Reich blieb aus. Es kam zwar zu einer Art de-facto-Wiedervereinigung Tirols, staatsrechtlich aber blieb Südtirol – mit Rücksicht auf den Duce – ein Teil Italiens, und zwar der neuen Schein-"Repubblica Sociale di Salò" Mussolinis, die von der Gnade Berlins abhing. Die deutsche Herrschaft brachte die NS-Vernichtungsmaschinerie auch in Italien in Gang. Dies traf vor allem die Juden. Bis 1943 konnten sie im faschistischen Italien mehr schlecht als recht leben, aber doch überleben. Das änderte sich sofort nach dem Einmarsch der Deutschen. Die einzige organisierte jüdische Gemeinde in der "Operationszone Alpenvorland" – zu der Südtirol gehörte – gab es in Meran, wo zum Zeitpunkt des deutschen Einmarsches noch 60 Mitglieder lebten. Die übrigen waren schon vorher weggezogen. Bereits am 16. September wurden 24 von ihnen vom "Südtiroler Ordnungsdienst" unter Führung der Gestapo verhaftet und in das Lager Reichenau bei Innsbruck verbracht. 19 von ihnen wurden in Auschwitz ermordet, vier starben in Reichenau, eine Frau überlebte. Den wenigen Juden in Brixen erging es ähnlich. Darüber hinaus wurden 350 Geisteskranke ermordet, und aus den Südtiroler Dörfern 'verschwanden' auch andere geistig und körperlich Behinderte.
1944 wurde vor den Toren Bozens ein sogenanntes Polizeidurchgangslager errichtet, das im Volksmund "KZ Sigmundskron" genannt wurde. Bis zum Mai 1945 wurden rd. 11.000 Personen durch dieses Lager auf dem Weg in die großen Konzentrationslager Mauthausen, Dachau und Auschwitz geschleust. Im Lager selbst wurden auch Exekutionen durchgeführt.
Am 3. Mai 1945 übernahm der "Comitato di Liberazione Nazionale" (CLN) die Verwaltung des Landes bis zum Brenner. Am gleichen Tag hissten Carabinieri dort die italienische Fahne. Italien hatte wieder die Regierungsgewalt in Südtirol übernommen; in Bozen war eine Regierung im Amt, die ihre Tätigkeit im Namen Italiens ausübte und dann von den Amerikanern bestätigt wurde. In vielen Gemeinden wurden ehemals faschistische Funktionäre wieder als Bürgermeister eingesetzt, und auch in der Bürokratie fand eine allgemeine Re-Italianisierung bzw. Re-Faschisierung statt. Es kam zu einer direkten Fortsetzung der ehemaligen faschistischen Politik.
Etwa zur gleichen Zeit – am 8. Mai 1945 – wurde in Bozen unter Führung des Bozner Kaufmannes Erich Amonn die Südtiroler Volkspartei (SVP) gegründet. Die Parteigründung war zumindest in ihrer inhaltlichen Ausrichtung kein Einfall der Stunde, sondern die logische Fortsetzung einer bereits in den Kriegsjahren begonnenen diesbezüglichen Tätigkeit der "Dableiber". Auf der Gründungsversammlung wurden drei programmatische Punkte verabschiedet, nämlich:
"1. Nach 25jähriger Unterdrückung durch Faschismus und Nationalsozialismus den kulturellen, sprachlichen und wirtschaftlichen Rechten der Südtiroler auf Grund demokratischer Grundsätze Geltung zu verschaffen.
2. Zur Ruhe und Ordnung im Lande beizutragen.
3. Seine Vertreter zu ermächtigen – unter Ausschluss aller illegalen Methoden – , den Anspruch des Südtiroler Volkes auf Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes bei den alliierten Mächten zu vertreten."
Zentral war der dritte Punkt, in dem ganz explizit das Selbstbestimmungsrecht für Südtirol gefordert wurde, was indirekt nichts anderes als die Forderung nach Rückkehr Südtirols zu Österreich bedeutete.

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