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8. "Das deutscheste aller deutschen Länder"

Bis 1945 war die Südtirolfrage in vielfacher Hinsicht auch offiziell eine deutsche Frage. Das änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine offizielle Südtirolpolitik Bonns gab es in dem Sinne nicht mehr. Das offiziell bekundete politische Desinteresse Bonns an der Südtirolfrage änderte allerdings nichts an der Tatsache, dass im Bewusstsein vieler Deutscher Südtirol einen ganz besonderen Stellenwert hatte. Vielen Deutschen erschien Südtirol als "urdeutsches, manchen als das deutscheste aller deutschen Länder", wie das der Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt und spätere Bundespräsident Karl Carstens 1959 einmal gegenüber dem österreichischen Botschafter in Bonn formulierte. Viele historische Erinnerungen verbanden sich mit dem Namen Südtirol; viele Südtiroler hatten in der Deutschen Wehrmacht (und anderen Truppenteilen) gedient, und dies war nicht nur für jene, die das Glück gehabt hatten zu überleben (von 24.000 waren etwa 8.000 gefallen), "ein höherer Blutzoll als die anderen Gaue", wie man oft hören konnte, sondern auch für viele 'Reichsdeutsche' mit Blick auf die Südtiroler eine durchaus positive Erfahrung – zumindest wurde dies nach 1945 von ihnen so empfunden.
So musste man in Bonn jahrelang zur Kenntnis nehmen, wie überempfindlich die Italiener reagierten, wenn das Thema Südtirol in Deutschland erwähnt wurde. Bonns Vertreter in Rom, Clemens von Brentano, sah sich 1951 gezwungen, den römischen Korrespondenten deutscher Medien 'Nachhilfeunterricht' in der Behandlung des Themas Südtirol zu erteilen. Es sei verfehlt, sich in Deutschland zum Dolmetscher der Beschwerden und Wünsche der Südtiroler zu machen. Die Südtiroler seien zwar Deutsche im ethnischen Sinne, "gehörten aber niemals zum Deutschen Reich, waren vielmehr bis 1918 Österreicher und sind seither Italiener".
Um italienische Befürchtungen zu beschwichtigen, lehnte Bundeskanzler Konrad Adenauer im Oktober 1953 in einem Interview mit der italienischen Zeitung "Il Messaggero" eine Stellungnahme zum Südtirolproblem mit dem Hinweis ab, diese Frage berühre Deutschland "in keiner Weise". Dieses Interview galt als "rigorose Sprachregelung" für die offizielle Bonner Politik der folgenden Jahre. Doch in Italien blieb man weiterhin skeptisch. Die Tageszeitung "La Stampa" kritisierte: "Bei jeder patriotischen Gelegenheit, wenn ein 'Deutschland, Deutschland über alles' angestimmt wird, singt zwar Adenauer die dritte Strophe, aber seine Minister die Worte der ersten, in denen von der Etsch die Rede ist." In Italien traute man der offiziellen deutschen Nichteinmischungspolitik nicht ganz. Das wird deutlich in einer Aufzeichnung des italienischen Außenministeriums vom Frühjahr 1958. Darin hieß es:
"Wenn wir es nur mit den Fremdstämmigen ['allogeni'; das waren im italienischen Verständnis die deutschsprachigen Südtiroler, wie sie auch schon von den Faschisten genannt worden waren] oder auch nur mit den Fremdstämmigen plus den Österreichern zu tun hätten, brauchten wir uns keine Sorgen zu machen. Aber leider sehen die Dinge anders aus. Hinter den Fremdstämmigen und den Österreichern steht die Macht von 50 Millionen Deutschen der BRD."
Der italienische Botschafter in Bonn, Gastone Guidotti, wertete die Anschläge der "Feuernacht" im Juni 1961 sogar als "erste deutsche Militäraktion seit Kriegsende". Die Zeitungen warfen den Deutschen "antiitalienische Hetze, Revanchismus und Militarismus" vor. Als im September 1961 drei Mitglieder der Burschenschaft "Germania" aus Erlangen in Trient mit mehreren Koffern voll Molotow-Cocktails verhaftet wurden, war das für Italien der endgültige Beweis für eine deutsche Beteiligung an Terrorakten in Südtirol. Eine Nachrichtenagentur meldete, die römische Staatsanwaltschaft habe den Verdacht geäußert, das Hauptquartier der antiitalienischen Terroristen liege nicht in Österreich, sondern in Köln.
Für noch mehr Aufregung sorgte der "Fall Burger". Der österreichische Rechtsextremist Norbert Burger wurde im Mai 1963 in München verhaftet, aber kurz darauf wieder freigelassen, weil seine Beteiligung an den Anschlägen in Südtirol als politisches Vergehen gewertet wurde. Als sich Bundesinnenminister Hermann Höcherl gegen eine Abschiebung Burgers nach Österreich aussprach, wertete Italien diese Erklärung als moralische Ermutigung für die Terroristen. Wegen Burger kam es sogar im Frühjahr 1964 zu einer hochkarätigen Sitzung in Bonn, an der alle Justizminister und Innenminister der Länder, der Bundesinnenminister, der Bundesjustizminister, der Chef des BKA, der Chef des Bundesverfassungsgerichtes und Vertreter der Auswärtigen Amts teilnahmen. Der Südtirolkonflikt begann, die deutsch-italienischen Beziehungen zunehmend zu belasten. Während Italien sich wegen der Südtirolfrage als einziges Mitgliedsland gegen eine Assoziierung Österreichs mit der EWG wandte, unterstrich Bonn die "politische und wirtschaftliche Notwendigkeit eines solchen Abkommens".
Als am 10. Juni 1966 die ARD-Sendung Monitor ein Interview mit den Südtirol-Terroristen Peter Kienesberger und Norbert Burger ausstrahlte, sorgte das für einen noch nicht dagewesenen Sturm der Entrüstung in Italien. Das römische Außenministerium protestierte vehement. Die italienische Presse bezeichnete München als "Hauptstadt des Neonazismus", sprach von Ausbildungslagern für Terroristen in Bayern und von "materieller Hilfe aus Österreich und Deutschland". Erst 1968, als sich mit dem "Paket" eine Lösung der Südtirolfrage anbahnte, begann sich auch die gereizte Stimmung in Italien allmählich zu legen. Angesichts zunehmender internationaler Spannungen (Prager Frühling, Vietnamkrieg) hatten Rom und Bonn kein Interesse, die gegenseitigen Beziehungen durch die Südtirolfrage zu belasten. Das änderte allerdings nichts an der Tatsache, dass die Italiener glaubten, man habe es bei den Südtirolern mit "tedeschi", Deutschen im weitesten Sinne, zu tun.

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