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6. Die Attentate

Das Thema "Attentate" ist bis heute eine sensible Angelegenheit, besonders in (Süd-)Tirol, was allein schon an der Bezeichnung der Täter erkennbar ist. Je nach Sichtweise waren und sind sie entweder Freiheitskämpfer, Idealisten, Patrioten, Südtirolaktivisten, Bumser, schlicht und einfach Terroristen, oder alles zusammen. Die Kernfrage dabei lautet: Was haben sie für Südtirol erreicht bzw. nicht erreicht?
Die für unser Thema 'interessanten' Attentate erstrecken sich über den Zeitraum von 1956 bis 1969, wobei man sehr genau unterscheiden muss, was wann wie geschehen ist. Die Geschichte dieser Attentate lässt sich grob in zwei Phasen einteilen. Die erste Phase geht bis etwa 1961; hier galt der Grundsatz, keine Menschenleben zu gefährden , die zweite Phase geht bis 1968. Es gab Tote, Verwundete und großen Sachschaden. Im September 1956 ereigneten sich die ersten Anschläge, ausgeführt von Südtirolern, die von der Politik der SVP-Führung enttäuscht waren und sich im "Befreiungsausschuss Südtirol" (BAS) organisierten. Ihnen ging es um die Selbstbestimmung für Südtirol. Zu weiteren Anschlägen kam es im Januar 1957; 17 Südtiroler wurden damals festgenommen, unter ihnen auch Friedl Volgger, der nach zehn Wochen Haft "wegen Fehlens hinreichender Beweisgründe" wieder freigelassen werden musste. Während der Demonstration auf Schluss Sigmundskron verteilten BAS-Leute unerkannt Flugblätter, deren Text Sepp Kerschbaumer, Kaufmann aus Frangart bei Bozen und führende Persönlichkeit des BAS, verfasst hatte:
"Deutsch wollen wir bleiben und keine Sklaven eines Volkes werden, welches durch Verrat und Betrug unser Land kampflos besetzt hat und seit 40 Jahren ein Ausbeutungs- und Kolonisationssystem betreibt, welches schlimmer ist als die einstigen Kolonialmethoden in Zentralafrika."
Schon sehr bald wurden die Südtiroler von Sympathisanten in Österreich politisch, finanziell und organisatorisch unterstützt. Zu nennen sind hier in erster Linie der Nordtiroler Journalist Wolfgang Pfaundler, der Chefredakteur des Wiener "Express" und spätere Generaldirektor des ORF, Gerd Bacher, und Fritz Molden, damals Besitzer des größten Presseimperiums in Österreich ("Die Presse", "Die Abendpresse", "Express", "Wochenpresse"). Anfang 1959 hatte Pfaundler in Innsbruck eine BAS-Zelle aufgebaut. An exponierter politischer Stelle stand der Nordtiroler Landesrat Aloys Oberhammer. Martin Fuchs, Generalsekretär im Außenministerium in Wien, stellte Fritz Molden damals die Frage, wie viele Menschenleben man opfern müsse, um etwas zu erreichen, was auf anderem Wege unter keinen Umständen zu erreichen wäre. Als das Außenministertreffen in Mailand am 27. und 28. Januar 1961 ergebnislos blieb, kam es zur demonstrativen Sprengung von Symbolen der faschistischen Unterdrückung. Das Reiterstandbild Mussolinis vor dem Montecatini-Werk in Waidbruck, der "Aluminium-Duce", wurde durch eine Explosion vom Sockel gerissen. Der zweite Anschlag galt dem Haus von Ettore Tolomei in Glen bei Neumarkt.
Die Serie der Attentate erreichte ihren Höhepunkt in der Nacht des Herz-Jesu-Festes vom 11. auf den 12. Juni 1961. Diese Nacht ist als die "Feuernacht" in die Geschichte Südtirols eingegangen. Auf Vorschlag von Innenminister Mario Scelba setzte die italienische Regierung damals eine Kommission ein, in der elf Italiener und acht Südtiroler saßen. Diese "Neunzehner-Kommission" sollte das Südtirolproblem unter allen Gesichtspunkten prüfen und der Regierung Lösungsvorschläge unterbreiten. Parallel dazu wurde Südtirol im Sommer 1961 von Scelba in ein Heerlager verwandelt; es sah so aus, als ob der Bürgerkrieg unmittelbar bevorstünde. Sofort nach der "Feuernacht" wurden mehrere Hotels und Gasthäuser beschlagnahmt, um Militär und Polizei einzuquartieren. Hausdurchsuchungen waren an der Tagesordnung, und schon nach wenigen Tagen waren mehr als 150 BAS-Männer verhaftet worden. Klagen über unmenschliche Verhörmethoden und brutale Folterungen von Seiten der italienischen Polizei waren allenthalben zu hören. Der Staatsanwalt, der die Verhöre leitete, wollte von Misshandlungen nichts bemerkt haben. Die ausländische Presse berichtete über diese Vorgänge, Silvius Magnago forderte eine strenge Untersuchung und Bestrafung der schuldigen Polizeibeamten. Nach dem Tod von zwei Südtirolern wurde eine Untersuchungskommission gefordert, die nicht bewilligt wurde. Am 20. August 1963 kam es dann zum Prozess gegen zehn Carabinieri in Trient. Sie wurden beschuldigt, Südtiroler Häftlinge misshandelt zu haben. Acht von ihnen wurden "wegen erwiesener Unschuld" freigesprochen; zwei wurden zwar schuldig gesprochen, fielen jedoch unter eine inzwischen erlassene Amnestie. Das Urteil rief besonders in Südtirol und Österreich, aber auch in der BRD Empörung hervor; die österreichisch-italienischen Beziehungen näherten sich einem Tiefpunkt, während die Tiroler Landesregierung inzwischen massiv in Wien intervenierte und erfolgreich forderte, keine Südtirolprozesse in Österreich durchzuführen, solange entsprechende Prozesse in Italien nicht abgeschlossen waren, wo der Prozess gegen die Feuernacht-Attentäter unmittelbar bevorstand.
Am 9. Dezember 1963 begann in Mailand dieser erste Südtiroler Sprengstoffprozess gegen 94 Angeklagte (87 aus Südtirol, 6 aus Österreich, einer aus der BRD), von denen sich 68 in Haft befanden. Die Anklagepunkte lauteten: 92 Anschläge auf Leitungsmasten, acht auf Wohnhäuser im Rohbau, Attentate auf militärische Einrichtungen, weiters die Kollektivanklage wegen Mordes (der italienische Straßenwärter Giovanni Postal war beim Hantieren an einer Sprengladung getötet worden) und schließlich Anklage wegen Hochverrats. Am 16. Juli 1964 wurden die Urteile gesprochen: Jeweils über 20 Jahre Gefängnis erhielten vier flüchtige Angeklagte, acht erhielten Strafen zwischen zehn und zwanzig Jahren, 35 Angeklagte zwischen vier und zehn Jahren, 27 wurden freigesprochen oder amnestiert. 46 Südtiroler kamen frei, 22 blieben weiter in Haft. Ein halbes Jahr später starb Sepp Kerschbaumer im Gefängnis in Verona; 15.000 Südtiroler folgten seinem Sarg.
Das Wesentliche am Mailänder Urteil war, dass der Präsident des Schwurgerichts, Gustavo Simonetti, die von der Staatsanwaltschaft erhobene Anklage gegen die Attentäter im Sinne des Art. 241 ("Anschlag auf die Einheit des Staates") und des Art. 283 ("Anschlag auf die Verfassung") des italienischen Strafgesetzes – worauf lebenslänglich stand – fallenließ und daher die Verurteilung nur wegen anderer Delikte (unerlaubter Besitz von Waffen und Sprengstoff, Anrichtung von Sachschäden usw.) erfolgte. Das war möglich geworden, nachdem die Attentäter die Taktik der Verteidigung akzeptiert und ausgesagt hatten, ihr Ziel sei die Autonomie und nicht die Selbstbestimmung gewesen (was nicht den Tatsachen entsprach). Die durchaus 'milden' Urteile ergingen nach entsprechender Intervention der italienischen Regierung bei Simonetti und wurden damals auch von seiten der SVP und Österreichs als Zeichen des guten Willens der neuen Mitte-links-Regierung unter Aldo Moro im Rahmen einer entspannten politischen Atmosphäre anerkannt und gewürdigt. Viele der verurteilten Südtiroler wurden später vorzeitig aus der Haft entlassen.
Was bedeutete und bedeutet die "Feuernacht" politisch? Die Anschläge wurden in späteren Jahren – vor allem von den Tätern selbst, aber auch von Politikern, etwa Silvius Magnago, Friedl Volgger oder Tirols Landeshauptmann Wendelin Weingartner noch 1997 –, oftmals als Anstoß für die Änderung der italienischen Südtirolpolitik gesehen, an deren Ende dann 1969 das "Paket" stand, sozusagen als später Sieg der Attentäter. Magnago meinte 1976, die Anschläge stellten "einen bedeutenden Beitrag zur Erreichung einer besseren Autonomie für Südtirol dar". Dazu ist zu sagen, dass zunächst die Attentäter von 1961 gar keine Autonomie wollten: Ihr Ziel war ganz eindeutig die Selbstbestimmung; sie wollten keine Neunzehner-Kommission. Josef Fontana, selbst einer der Attentäter, hat 1992 gefragt: "Ohne Anschläge keine Neunzehner-Kommission, ohne Neunzehner-Kommission kein Paket?" Man muss bei dieser Frage sehr genau differenzieren. Die Neunzehner-Kommission hat ohne Zweifel grundlegende Vorarbeiten für das spätere Paket geleistet. Die entscheidende Frage aber lautet: Hätte es ohne Feuernacht keine Kommission gegeben? Oder anders ausgedrückt: Hat Italien die Kommission auf Grund der Feuernacht eingesetzt? Wäre es ohne Feuernacht nicht zum inneritalienischen Dialog Rom-Bozen gekommen?
Die italienische Gesprächsbereitschaft bestand schon lange vor der Feuernacht. Innenminister Scelba hatte Anfang Mai 1961 gegenüber den Südtiroler Parlamentariern erklärt, er sei bereit, sich mit ihnen zusammenzusetzen; in solchen internen Verhandlungen könnte die italienische Regierung wesentlich weiter gehen als in zwischenstaatlichen. Die Südtiroler hatten um Bedenkzeit gebeten. Wenige Tage später hatte Scelba in aller Form diesen Vorschlag wiederholt und den österreichischen Botschafter in Rom, Max Löwenthal, gebeten, der Bundesregierung nahezulegen, dieser Vorgangsweise zuzustimmen. Bei den Ministerverhandlungen in Klagenfurt im Mai erklärte Außenminister Antonio Segni, Italien sei für eine interne italienische Lösung. Auch Kreisky sprach sich dafür aus. Bei den Expertengesprächen in Zürich vom 13. bis 17. Juni – also nach der Feuernacht – saßen der spätere Außenminister Kurt Waldheim, Kreiskys Kabinettschef Rudolf Kirchschläger und Franz Gschnitzer u.a. dem Generalsekretär des italienischen Außenministeriums, Umberto Grazzi, gegenüber. Es ging um die Vorbereitung der Außenministerkonferenz in Zürich. Man verhandelte täglich rd. fünf Stunden – das Wortprotokoll liegt vor: Die Attentate wurden mit keinem Wort erwähnt. Auf der Konferenz in Zürich selbst machte Segni dann "in klarster und eindeutigster Form", wie es im österreichischen Protokoll heißt, auf die Tatsache aufmerksam, dass diejenigen, die auf die italienische Regierung durch ihre Taten Druck ausüben wollten, einen schweren Fehler begingen: "Ich muss in diesem Zusammenhang feststellen, dass Italien mit diesen Mitteln nie zu Zugeständnissen und Verzichten veranlasst werden kann."
Am 13. Juli schlug der Südtiroler Abgeordnete der italienischen Kammer, Roland Riz, in Rom die Einrichtung einer Parlamentskommission vor; am 18. Juli brachte die österreichische Bundesregierung die Südtirolfrage erneut vor die UNO; am 24. Juli machte Scelba das Angebot für die spätere Neunzehner-Kommission – verbunden mit der Bedingung an die SVP, für die Dauer der Kommissionsarbeit keinerlei internationale Aktionen betreffend Südtirol zu unternehmen.
Hier wurde deutlich, was die Italiener fürchteten, nämlich noch einmal vor dem Weltforum wegen Malträtierung einer Minderheit angeklagt zu werden. Die Feuernacht und die anschließenden Anschläge im Juli 1961 waren kontraproduktiv für die Haltung etlicher Mitglieder der italienischen Regierung. Scelba stieß bei seinem Vorschlag auf harten Widerstand – beim stellvertretenden Ministerpräsidenten Attilio Piccioni, Justizminister Guido Gonella, Unterrichtsminister Giacinto Bosco und auch bei Segni. Monate später meinte Scelba zu Botschafter Löwenthal: Ein anderer als er "hätte sich nicht durchgesetzt". Volgger meinte, dass mit Blick auf die Kommissionsmitglieder es offensichtlich im Ministerrat hart hergegangen sei. Scelba setzte sich durch: Er wollte trotz der Attentate die Kommission – als Zeichen der Stärke! Mit einem Satz: Neunzehner-Kommission nicht wegen, sondern trotz der Feuernacht. War die Feuernacht unter diesem Gesichtspunkt ein Erfolg? Viktoria Stadlmayer, die langjährige Leiterin des Referates "S" (Südtirol) der Nordtiroler Landesregierung, beantwortete diese Frage Anfang 1962 in einem streng vertraulichen Memorandum folgendermaßen: "Die Neunzehner-Kommission und ihre positive Aufnahme in Südtirol ist kein Erfolg der Bomben-Politik, sondern ist ein Sieg Italiens." An anderer Stelle hieß es, die Neunzehner-Kommission sei eine "Niederlage". In Nord- und Südtirol sieht man das heute in bestimmten Kreisen verständlicherweise anders, auch um den Attentaten und dem daraus entstandenen Leid für die Beteiligten überhaupt einen Sinn zu geben. Konsequenter und ehrenvoller wäre es allerdings wohl, wenn jene, die mit der Selbstbestimmung scheiterten, dazu auch stehen und sich nicht im Nachhinein von bestimmten Politikern vereinnahmen lassen würden, wie das heute allenthalben geschieht.
Der 'Bombenkrieg' scheiterte jedenfalls schon im Ansatz. Es war eine Illusion zu glauben, Südtirol zu einem zweiten Algerien oder Zypern machen zu können, um so die Selbstbestimmung zu erreichen. Dafür fehlten sämtliche Voraussetzungen, u.a. auch das für einen solchen Kampf notwendige 'Hinterland'!! Der mit der Neunzehner-Kommission begonnene Dialog zwischen Rom und Bozen war aber auch das Ende jener Überlegungen, auf friedlichem Wege zur Selbstbestimmung zu kommen. Die "Feuernacht" war in diesem Sinne absolut kontraproduktiv, der durch sie angerichtete politische Schaden unübersehbar. In der durch meine dreibändige Darstellung "Südtirol zwischen Diplomatie und Terror 1947-1969" im vergangenen Jahr ausgelösten heftigen Diskussion in Südtirol äußerte sich dazu ein ehemaliger Attentäter, Siegfried Carli (der sich 1961 einer Verhaftung durch Flucht nach Nordtirol entziehen konnte und 1964 im Mailänder Prozeß in Abwesenheit zu 19 Jahren und 11 Monaten Haft verurteilt wurde), folgendermaßen: "Wir haben es verhackt." Hauptnutznießer der Attentate war demnach der italienische Staat, weil sie ihm ermöglichten, die im November 1957 in Sigmundskron begonnene Aufbruchstimmung mit einem Schlag zu zerstören. Auch das vielzitierte positive Aufsehen im deutschsprachigen Ausland hat nicht stattgefunden. Carli behauptet, dass ohne die Anschläge bei den SVP-Landesversammlungen die Forderung nach Selbstbestimmung durchgegangen wäre. Er wagte sogar die Behauptung, dass weitere Nutznießer der Anschläge die Moderaten in der SVP waren, weil ebenso schlagartig jede innerparteiliche Opposition ausgeschaltet war. Entweder saß sie im Gefängnis, war geflüchtet oder tat alles, um ja nicht als "Extremist" zu erscheinen. Giulio Andreotti, siebenfacher Minsiterpräsident und jetzt Senator auf Lebenszeit, der die Probleme Südtirols seit 1945 – als Mitarbeiter von Alcide De Gasperi – gut kennt, wurde Anfang 2000 auf mein o.g. Buch angesprochen und nach der Bedeutung der Attentate gefragt. Seine Antwort: "Die Richtung der Verhandlungen war bereits vorgegeben." Genau das hatte ich geschrieben.
Wie haben die damaligen Politiker die Attentate 1961/62 gesehen? Kerschbaumer und Georg Klotz – ein weiterer prominenter Attentäter – waren vor den Attentaten von Kreisky empfangen worden. Die Frage, ob er die Attentäter ermutigt hat, wird wohl nie mehr beantwortet werden. Kreisky wusste, dass Attentate kommen würden. Interessant ist, wie er unmittelbar auf die Attentate reagierte. Am 5. September 1961 fand eine streng geheime Südtirol-Sitzung in Innsbruck statt. Mit dabei: erstmals sämtliche Mitglieder der Tiroler Landesregierung, Kreisky, Staatssekretär Ludwig Steiner; aus Südtirol Silvius Magnago und die Parteiausschussmitglieder Peter Brugger, Karl Tinzl und Friedl Volgger. Das Protokoll dieser Sitzung wurde sofort unter Verschluss genommen und im Panzerschrank deponiert. Kreisky nannte dort die Attentate "Terror". Man habe erfahren, so Kreisky, dass in allen Staaten der Terror dem österreichischen Ansehen und der Südtirolfrage ungeheuren Schaden zugefügt habe. Magnago sagte in derselben Sitzung, er sei überzeugt, dass die Attentäter sowohl Südtirolern als auch Österreichern geschadet hätten. Und im Frühjahr 1962 sprachen der damalige Tiroler Landeshauptmann Hans Tschiggfrey und Landesrat Eduard Wallnöfer – ab 1963 Langzeitlandeshauptmann von Tirol – von "terroristischer Aktivität". In späteren Jahren klang das dann wieder ganz anders.
Zurück zur Neunzehner-Kommission. Mitentscheidend für die Einsetzung der Kommission war auch der Beschluss der österreichischen Bundesregierung, die Südtirolfrage erneut vor die UNO zu bringen. Das war den Italienern besonders unangenehm. Für die Debatte vor der UNO wollte man auf eigene Großzügigkeit verweisen können – und das war diese Kommission. Botschafter Enrico Martino hatte bereits am 19. Juli von der entschlossenen Absicht Italiens berichtet, direkt mit den Südtirolern zu verhandeln, um damit die Diskussion in der UNO "zu unseren Gunsten zu beeinflussen", falls man sie nicht überhaupt verhindern konnte.
Die Einrichtung der Neunzehner-Kommission war auch noch in anderer Hinsicht eine gelungener Schachzug der Italiener. Die SVP war gefordert und musste Stellung beziehen, ob sie zum Dialog mit Rom bereit war. Sie war es, da es keine realistische Alternative gab. Damit wurde aber auch Österreich als Verhandlungspartner fast überflüssig. Mit Österreich gab es aus der Sicht Roms beinahe nichts mehr zu verhandeln; genau das hatte man beabsichtigt. Die Italiener verwiesen später stets auf die noch nicht abgeschlossene Arbeit der Kommission. Drei Monate waren dafür zunächst vorgesehen; der Abschlussbericht verzögerte sich aber Jahr um Jahr. Erst mit der Bildung der Mitte-links-Regierung im Dezember 1963 – Aldo Moro und Giuseppe Saragat – kam die grundsätzliche Wende in der Südtirolfrage.
Ab 1962/63 radikalisierte sich der Südtirolterrorismus. Der Grundsatz, keine Menschenleben zu gefährden, wurde nicht mehr eingehalten. Jetzt waren auch zunehmend österreichische und deutsche Staatsbürger an den Gewaltaktionen beteiligt. Den Italienern gelang es im übrigen, Agenten in die von Georg Klotz und Luis Amplatz geführte Gruppe einzuschleusen. Am 7. September 1964 wurde Luis Amplatz in einer Heuhütte oberhalb von Saltaus im Passeiertal von einem Spitzel des italienischen Geheimdienstes erschossen, Georg Klotz schwer verwundet; beide waren beim Mailänder Sprengstoffprozess in Abwesenheit – sie waren nach Nordtirol geflüchtet – verurteilt worden.
Südtirol wurde jetzt zu einem Exerzierfeld von inländischen und ausländischen Geheimdiensten, neonazistischen und pangermanistischen Kreisen. Es begann eine Phase, in der die Anschläge ein Höchstmaß an Brutalität und Skrupellosigkeit erreichten und insgesamt 14 Todesopfer forderten (während auf der Gegenseite Italiener in Österreich Anschläge verübten, bei denen es Tote gab). Dieser Terror war jedenfalls für die Autonomieverhandlungen absolut kontraproduktiv. In der Südtirolfrage sollte eine Einigung verhindert werden! Im zweiten Mailänder Sprengstoffprozess 1966 wurden wiederum hohe Haftstrafen gegen mehrere abwesende Angeklagte ausgesprochen. Italien bezichtigte Österreich damals der Komplizenschaft mit den Terroristen und blockierte im Juni 1967 durch ein Veto Österreichs Verhandlungen mit der EWG.
Wie man in Wien zu Recht annahm und wie sich dann schon bald auch zeigen sollte, hatte Italien mit seinem EWG-Veto eine ganz neue diplomatische Front eröffnet, die noch für etliche Zeit für Auseinandersetzungen sorgen sollte. In einem Bericht an den Ministerrat fasste der Nachfolger Kreiskys, Außenminister Lujo Toncic-Sorinj, am 11. Juli 1967 die Gesamtlage kritisch zusammen. Er setzte als bekannt voraus, dass die Beziehungen zwischen Österreich und Italien nach den Vorfällen vom 25. Juni – vier Tote bei einem Anschlag auf der Porzescharte – "den tiefsten Punkt seit dem Jahr 1945" erreicht hatten. Bestimmte italienische Kreise, die von jeher gegen das Zustandekommen einer Übereinkunft zwischen Österreich und Italien in der Südtirolfrage eingestellt gewesen seien, nützten die Situation dadurch weidlich aus, dass sie eine begreifliche und echte Erregung besonders hochspielten. Das Ziel dieser Kreise, zu denen Toncic auch Außenminister Amintore Fanfani zählte, sei es, "Österreich aus den seit mehr als zehn Jahren geführten bilateralen Verhandlungen herauszudrängen und das Südtirolproblem, wenn überhaupt, durch rein interne Maßnahmen, die keiner Kontrolle durch Österreich mehr unterliegen sollten, einseitig zu lösen".
Italien forderte gleichzeitig eine Änderung der österreichischen Strafgesetze und machte in bilateralen, geheimen Gesprächen unmissverständlich klar, dass es ohne neue "effektive und spektakuläre" Maßnahmen Wiens auf dem Gebiet der Terrorbekämpfung weder eine Einigung in der Südtirolfrage noch eine Aufhebung des EWG-Vetos geben werde.

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